Loading ...
Sorry, an error occurred while loading the content.

Weihnachtsfeuerwerk

Expand Messages
  • Gilbert
    Als großer Junge von ungefähr 12 Jahren sah ich im Fernsehen einen Spielfilm, in dem ein erwachsenes Pärchen im vernünftigen Alter von vielleicht
    Message 1 of 1 , Dec 25, 2011
    • 0 Attachment
      Als "großer Junge" von ungefähr 12 Jahren sah ich im Fernsehen einen Spielfilm, in dem ein erwachsenes Pärchen im "vernünftigen Alter" von vielleicht Anfang 30 mit der Oma schimpfte.
      Die hatte nämlich, Weihnachten oder am Heiligen Abend, von ihrem Französischen Austritt oder Balkon aus eine wunderschöne Fontäne in einen rechts des Fensters an der Fassade befestigten Fahnenmastträger gesteckt und angezündet.
      Gebannt starrte ich auf die tief herabfallenden Silber- oder Goldfunken.
      Ich erinnere mich daran, dass gerade die vernünftige, attraktive, erwachsene Frau sich aufregte: "Das ist doch jetzt verboten, Oma. Das weißt du doch genau!"
      Die Oma scherte sich nicht um willkürliche Verbote. Sie ließ sich ihre Tradition nicht verbieten, und ich wollte, die Welt wäre voll von dickköpfigen, uneinsichtigen Großmüttern, die der Intoleranz durch übertriebenes, erzwungenes Rücksichtnehmen auf jede kleinliche Befindlichkeit entschlossen durch praktisches Handeln einen Riegel vorschieben. Sonst wäre es nämlich bald überall in der Welt wie bei uns in Deutschland, wo so langsam alles verboten ist, weil es ja irgendwie für irgendjemanden oder -etwas schädlich sein könnte, jemanden stören, belästigen oder einfach unangenehm sein könnte oder eben einfach nur mal so sicherheitshalber.
      Kannengießerisch wird dabei zum Rundumschlag ausgeholt, um auch ja gründlich zu sein und nichts zu vergessen. Anders war das Verbot des Abbrennens einer Silbersonne bei einem sommerlichen Kleingartenfest wohl weder in den 60-er Jahren zu erklären, noch wäre es das heutzutage.

      Da diese Mentalität und Vorgehensweise nicht nur Feuerwerk, sondern alle Lebensbereiche betrifft, tritt irgendwann eine Atmosphäre des Verzichts und der kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lähmung ein, in der man noch so viele Milliarden an Banken verteilen kann, ohne dass es vorangeht und irgendetwas besser wird: Es ist ja nichts mehr möglich, und was noch möglich wäre, ist mit so vielen Auflagen verbunden, dass einem jede Lust vergeht. Wo noch welche fehlen ist die ungewählte, regelungswütige Zentralregierung in Brüssel bestimmt schon mit irgendeiner Kommission dabei, die Zustände zu ordnen.

      Doch genug der Einleitung, die sonst länger wird als die ganze Geschichte.

      Mein drittes Weihnachtsfest erlebe ich nun in meiner neuen Wohnung, und schon 2009 fiel mir auf, dass hier am Heiligen Abend sowie am 1. und 2. Weihnachtsfeiertag so viel geknallt wird wie in meiner alten Wohngegend zu Silvester.
      Es wohnen hier sehr viele Angehörige verschiedener südosteuropäischer Völker, Kosovaren, Albaner, Mazedonier und Moldawier z.B.
      Was ich zunächst für jahreszeitlich bedingt hielt, mir damit erklärte, dass die Läden mit Feuerwerkskörpern versorgt und die Weihnachtskisten mit den Resten des vorigen Jahres ausgepackt sind, erklärt sich vor dem Hintergrund der in osteuropäischen, südosteuropäischen und katholischen Ländern wohl üblichen Weihnachtsfeuerwerke anders. Es kann kein Zufall sein, dass ich mich seit drei Jahren zu Weihnachten an fremdem Knallfeuerwerk und am Frust der wenigen hier noch wohnenden Spießer erfreuen kann; es kann auch kein Zufall sein, dass am 27.12. wieder Ruhe einkehrt, die bis zum Silvestertage anhält. An diesen letzten Tagen des Jahres wird hier nicht mehr geknallt als z.B. mitten im Sommer, wo nur mal einer etwas probiert oder ein paar Kinder auf dem Spielplatz ein Päckchen China-Kracher verbrauchen.

      Mit Einsetzen der Dämmerung am 24.12.2011 ging es los. Von überall her knallte es in unregelmäßigen Abständen, abwechselnd, aus verschiedenen Richtungen, immer wieder und sich mit zunehmender Dunkelheit steigernd. Zu hören waren fast nur "ehrliche" Knallkörper, nicht eine einzige Batterie, selten das Zischen einer aufsteigenden Rakete. Dem kundigen Ohr entging nicht, dass fast ausschließlich - ähm, na sagen wir: "im Ausland zulässige" Knallkörper gezündet wurden.
      Die Feuerwehr kam nicht, Sirenen waren nicht zu hören und mehr an den Händen Verkrüppelte als anderswo sind mir hier auch nie aufgefallen.

      Ich fühlte mich wohl; ich grinste vor mich hin. Schließlich wollte ich meinen eigenen, kleinen Beitrag leisten. Wegen misstrauischer Hausbewohner wollte ich nicht allzu auffällig und provozierend vorgehen, weshalb ich mich für einen Harzer Pfau-Knaller von Nico entschied. Mit ihm und einer gerade zur Hand befindlichen, abgenutzten Streichholzschachtel schlich ich mich auf den Balkon. Ein Blick ringsum ließ mich niemanden erkennen, der mich beobachtete.
      Zu meiner Freude zündete der Pfau-Knaller beim ersten Anreibeversuch sofort; ich genoss das leichte Sprühen und das sanfte Rauschen aus der Öffnung. Der schwefelige, etwas süßliche Geruch des zündenden Reibkopfes stieg mir in die Nase. Im Rückhandwurf warf ich den Pfau-Knaller mit hohem Bogen in die Luft und sah dem davonfliegendem Glutpunkt nach. Nach halbem Flug zu Boden explodierte er mit einem vernehmlichen, aber nicht zu lauten und vor allem tief, "analog" wohlklingendem Knall, ganz anders als die hellen, eher hochfrequenten Knalle der "importierten" Knallkörper. Dabei entfaltet er im 45-Grad-Winkel einen sich nach vorne und nach hinten v-förmig ausbreitenden, nicht sehr hellen Explosionsblitz in rot-goldenem, fast braunem Ton. Ich war begeistert!

      In meiner ehemaligen Wohngegend hätten die Nachbarn wutschäumend auf der Matte gestanden. Hier werden sie wohl froh gewesen sein, dass der Knall nicht lauter war; sie sind anderes gewohnt. Der überall wahrnehmbare Bevölkerungsaustausch scheint in diesem Falle wirklich einmal Kultur gebracht zu haben.

      Ich wünsche euch allen noch viel Vorfreude auf Silvester!
      Falls jemand die eingangs beschriebene Filmszene erkannt und den Filmtitel benennen kann, möge er ihn bitte mitteilen.

      Gilbert
    Your message has been successfully submitted and would be delivered to recipients shortly.