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veit · Veit, Latin America and Hospitality Club

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Hospitality Club Artikel in der Zeit und Einladung nach Dresden   Message List  
Reply Message #38 of 38 | Next >
Hallo Freunde,

nach 2 Jahren Stille auf diesem Kanal heute ein Lebenszeichen - aber
zuerst mal ne Erklärung FOR ALL ENGLISH SPEAKERS (weiter unten dann auf
deutsch):

After 2 years of silence a quick sign of life on this list. The message
will be mostly in German, because I am sending out an article about the
Hospitality Club that was published in Germany's most highly respected
paper publication - Die Zeit. A full page, wonderfully written
masterpiece of journalism. This marks quite a milestone for myself - I
have worked my butt off on the computer the last two years (after coming
back from Latin America and finishing my studies with the thesis in
Dresden), getting the Hospitality Club off the ground. From 1300 members
in July 2002 it has now grown to almost 20,000 - and this is just the
beginning...:-) And so it feels wonderful to be "recognized" by the
mainstream, but high quality media in such a way. I am now absolutely
sure that my idea will take wings and fly for many years to come.

On a personal note I would like to invite all of you to Dresden. Anytime
I am around. On the first September weekend (3.-5.9.) we will organize
the 1. Hospitality Club Summer Camp at my place in Dresden, so if you
are around Europe then, that would also be a great time for a visit!!

All for now in English, if I find time I will write a story about my
recent 5-week hitchhiking adventure through Canada and the US.

Greetings from Dresden, Germany,

Veit

DEUTSCH:
Auf Euch wartet gleich ein ganz besonderer Leckerbissen - Die Zeit hat
in ihrerer aktuellen Ausgabe ganzseitig über den Hospitality Club
berichtet. Ausserdem steigt bei mir in Dresden Anfang September ein
grosses HC-Treffen, und natuerlich moechte ich auch Euch auch einladen.
Hier also eine Nachricht, die ich an alle 3500 deutschen HC-Mitglieder
geschickt habe, mit Infos zum Zeit-Artikel, der Einladung zum Sommer
Camp. Weiter unten dann der komplette Text des Berichts:

Es gibt grossartige Neuigkeiten: "Die Zeit" berichtet in der aktuellen
Ausgabe mit einem Super-Artikel ganzseitig über den Hospitality Club!
(Nr. 32, Do. 29. Juli, S.57, Titel Reiseteil). Schau mal rein und zeig
die Seite vielleicht locker im Freundes- oder Familienkreis herum.
Deutschlands seriösestes Printmedium überzeugt sicher auch den Einen
oder Anderen, der unserer Idee bisher skeptisch gegenüberstand.

Ich bin persönlich besonders stolz. Fast exakt 4 Jahre nach der Idee und
2 Jahre nachdem ich begonnen hab, mich rund um die Uhr um den Club zu
kümmern, berichtet nun zum ersten Mal ein absolutes Leitmedium in
Deutschland. Die Idee verbreitet sich mehr und mehr und auch wenn es
noch ein langer Weg bis zu einer Million Mitgliedern ist - der Tag wird
kommen. Gemeinsam werden wir es schaffen, diese Art des Reisens und der
Völkerverständigung ganz alltäglich zu machen.

Möchtest Du wissen wie es zu dem Artikel kam? Blick hinter die Kulissen:
im März schrieb Johannes Voswinkel, Moskauer Korrespondent der Zeit,
einen coolen Artikel über einen Wettbewerb der russischen Tramper an dem
er teilgenommen hatte. Daraufhin hab ich ihm in ner email das Thema HC
vorgeschlagen, bzw. ihn gebeten, es an die richtige Stelle in der
Redaktion weiterzuleiten. Genau das tat er netterweise. Ein paar Monate
später meldete sich Cosima.

Sie hatte sich inkognito registriert und den Club in Ungarn ausprobiert.
Was sie dort erlebt hat, kannst Du ja im Artikel lesen. Erst später hat
sie sich als Journalistin geoutet und noch nen Fotografen
hinterhergeschickt. Qualitätsjournalismus eben - danke Cosima :-) Ich
bin begeistert und hoffe dass auch viele der 1,88 Millionen Leser der
460.000 Exemplare (Zeit Mediadaten) ihren Weg zu uns finden. Und so baut
Deutschland langsam aber sicher seine Stellung als Hort der globalen
Gastfreundschaft aus...:-)

Wenn Du helfen möchtest, ruf doch einfach mal Deine Tageszeitung,
Lieblingsmagazin oder -sendung an oder schick ne email und schlag den
Hospitality Club als Thema vor. Und auch sonst kannst Du natürlich immer
helfen, schau mal wieder auf der Seite vorbei:
http://www.hospitalityclub.org

Viele Gruesse aus Dresden,

Veit
P.S.: Da dies ja eine semi-offizielle email geworden ist, hier noch eine
kurzfristige Einladung: Du bist herzlich eingeladen zum 1. Hospitality
Club Sommer Camp :-)
Wo? Bei mir in Dresden. Im Garten ist genug Platz für jede Menge Zelte
und soviele Leute wie möglich werden wir im Haus und bei anderen
Dresdner HClern unterbringen (kannst also auch ohne Zelt kommen!).
Wann? Am ersten Septemberwochenende (3.-5.9.) als Kernzeit, denn dann
ist es noch warm. Sowohl davor als auch danach machen wir ein paar Tage
Gleitzeit, damit Leute auch eher kommen oder länger bleiben können.
Warum? Zum Kennenlernen. Über Reisen quatschen, wenn einige von Euch
Experten in nem interessanten Thema sind können wir ja auch Workshops
machen - ich kann z.B. alle im Trampen und HC-Sachen fit machen.
Was noch? Dresden ist immer ne Reise wert. Auch Meissen, Radebeul, die
sächsische Schweiz, sogar Prag oder Berlin können Tagesausflugsziele
werden - wir können ja kleine Grüppchen zusammenstellen.
Was jetzt? Wenn Du vielleicht kommen möchtest, schick bitte eine email
mit dem Titel "Sommer Camp", Deinem Benutzernamen und mit welcher
Wahrscheinlichkeit Du kommen wirst (50%? 90%?...). Alle, die geantwortet
haben bekommen dann mehr Infos per email (und Du kannst sie natürlich
auch auf der Seite finden - wir werden etwas in die News im Main Menu
schreiben). Wenn die Resonanz von Euch in den nächsten Tagen gut ist,
laden wir auch alle umliegenden Länder ein. Klingt gut?
Ich freue mich auf Euch!



online unter http://www.zeit.de/2004/32/Ungarn_neu


DIE ZEIT 32/2004

Sei mein Gast

Weltweit und kostenlos bieten die Mitglieder eines Internet-Forums ein
Bett in ihrer Wohnung an. Auf Testbesuch in Ungarn

Von Cosima Schmitt

Kriszta kenne ich schon. Zumindest ihr Lächeln. »Kriszta doing the
dishes«, dieses Foto hat József ins Netz gestellt: seine Verlobte mit
Spülbürste und Schmutztellern inmitten von Toaster, Suppenkelle und
Gurkenglas. Von Mark und Richárd weiß ich vor allem: Sie haben eine
Ausziehcouch oder eine Gästematratze und ein Begrüßungsbier im Kühlfach.
Eine Luftmatratze wartet auf Besucher im Budapester PlattenbauFoto:
Martin Fejér/ostphoto

Ich reise durch Ungarn und schlafe privat. Bei Menschen, mit denen mich
nichts verbindet als ein Internet-Forum: www.hospitalityclub.org. Die
Mitglieder bieten einander ein Gratisbett für die Reise, so das Prinzip.
Gast und Wirt verabreden sich per Mail. »Ich wollte jenen die Welt
öffnen, die sich kein Hotel leisten können«, sagt Veit Kühne. Vor vier
Jahren erfand der 26-jährige Betriebswirt den Club, der mehr als eine
Bettenbörse sein will. Seither trampt er um die Welt und wirbt für seine
Vision: »Wir schaffen Frieden. Man sprengt doch nicht Leute in die Luft,
die man mal beherbergt hat.« Ich bin Hospitality-Clubber 14519 und teste
die Idee.

Meine erste Station ist Nagykovácsi, ein Acht-Straßen-Dorf in den Wiesen
um Budapest. Richárd erwartet mich am Gartentor: Sportlerwaden,
Birkenstocks, Bizepsbeulen unter gebräunter Haut. »Du kannst gleich
heute abend kommen«, hat er geschrieben, nun führt er mich durch seine
Drei-Brüder-WG mit zwei Kickern, Internet-Flatrate und einem
Panoramafernseher. Ein Drachenbaum dörrt in rissiger Erde. In der Spüle
türmen sich Pastateller. Richárd richtet das Ausziehsofa und entstaubt
ein Kissen. Er will noch mal weg, zum Essen bei seinem Vater. Er drückt
mir eine Fernbedienung in die Hand: »Wir kriegen auch deutsche Kanäle.«
So verbringe ich meinen ersten Abend in Ungarn mit einer Dose
Import-Bier (»So, wie das ungarische schmeckt, kannst du gleich Wasser
trinken«) und dem ZDF. Im »Sztárinfó«-Kasten der Programmzeitschrift
grinst »Brinkmann professzor«.

Am Morgen weckt mich Kochlöffelklappern. Richárd hat Schinken gewürfelt,
Rühreier gebraten, jetzt lehnt er am Herd, Hawaii-Bermudas um die
Hüften, und plant den Tag: »Hast du Lust auf Nationalpark?«

Richárd schreitet voran, hügelaufwärts, hügelabwärts, ich keuche
hinterdrein, Schweißtropfen im Gesicht. Er sei wegen seines Hobbys im
Hospitality Club, sagt Richárd, der erst 20 ist und studiert: »Klettern,
nur du und der Fels, das ist das Größte, aber dafür muss ich ins
Ausland. Hier gibt es keinen anständigen Berg.« Richárd rupft weiße
Blüten aus einem Busch: »Die schmecken großartig als Tee«, er kennt sich
aus mit den Sträuchern des Nationalparks. Er weiß, welche Blüten sich
erst am Abend öffnen und welcher Käfer da vor uns über den Waldpfad
kriecht. Er zeigt mir Wanzen, die blau-metallisch schimmern, und Vögel,
die nur hier brüten, nirgends sonst auf der Welt. Oft steigt er auf die
Kuppe des Hügels, zeltet zwei, drei Nächte: »Dann will ich ganz allein
sein mit der Natur.« Heute aber hätte ein Zelt keine Chance: Wind
peitscht über den Hügel. Wir frösteln und steigen hinab ins Dorf.
Richárd begleitet mich zum Bus nach Budapest – Kriszta und József warten.

Schlafen zwischen Schreibtisch, Blumenständer und Kartonstapeln

József hat mir Skizzen und Wegbeschreibungen gemailt, zwei Seiten lang.
Wie fürsorglich, habe ich gedacht. Wie berechtigt, denke ich nun: Eine
halbe Stunde lang scheppert der Bus durch Vorstadt-Plattenbausiedlungen.
Keine Bushaltestelle trägt ein Namensschild. Kein Fahrgast spricht
Englisch. Endlich rettet mich eine ältere Frau in holprigem Deutsch:
Rózsa utca, das ist die große Straße neben dem Supermarkt. Ein alternder
Fahrstuhl ächzt mich in den neunten Stock. Von innen ist Wohnung 52 aber
gemütlich und modern: schickes Laminat und schwere Holzmöbel. József
bugsiert mich aufs rote Cordsofa: »Das ist keine typisch ungarische
Couch, in denen versinkt man.« Kriszta reicht ein Honigglas, Tee und
Sesamstangen.

Sie sind die Profis unter meinen Club-Gastgebern: Vor zwei Wochen erst
nächtigte ein Franzose auf ihrer Luftmatratze, dann waren zwei
Amerikaner da, eine Polin hat kurzfristig abgesagt, dafür kommt
übermorgen ein britisches Paar. Kriszta und József sind weltoffen aus
Tradition: Sie hat in Italien Kinder gehütet, er in Deutschland,
Schottland und Kolumbien gelebt. Jetzt ist er Firmengründer mit wenig
Urlaub. Darum holen sich die beiden die Welt ins Wohnzimmer: »Wir
trainieren unser Englisch und haben interessante Leute zu Gast. Wir
hätten nie gedacht, dass sich nur über eine Website so viele Menschen
bei uns melden.«

Der Ansturm ist kein Zufall. Woche für Woche wächst der Club um fast 500
Mitglieder, von Chile bis China, vom Jemen bis in die Mongolei. Gast und
Wirt verständigen sich über Interessen und Wünsche: »Sei höflich zu
Oma«, oder: »Ich schlafe nicht auf dem Boden«, sie tauschen Tour-Tipps
und Betten unter der Aufsicht des Clubs. Freiwillige Helfer überfliegen
jede Mail. Wer die Philosophie nicht begreift und etwa einen Partner
oder einen Ferienjob sucht, der landet im Spam. Das System beruht auf
Geben und Nehmen, doch verpflichtend ist das nicht. Jeder darf gratis
nächtigen, auch wenn er selbst keine Gäste bewirten will. Die meisten
scheinen aber zu wollen. Sieben der 20 Ungarn auf meiner Rundmail-Liste
boten mir sogleich eine Unterkunft an.

Heute ist mein Privathotel Józsefs Arbeitszimmer. Ich schlafe zwischen
Schreibtisch, Blumenständer und Kartonstapeln. Eine orangerote
Milchglastür trennt mich vom Ehebett, im Hintergrund summt der
Großstadtverkehr. Viel zu früh schellt am Morgen der Wecker: József
braucht sein Büro. Er trägt Schlafsack und Luftmatratze ins Nebenzimmer:
»Damit meine Kunden nicht denken, meine Frau lässt mich nicht mehr ins
Schlafzimmer.« Handyklingeln, Kundenstress, Kriszta sucht einen
Stadtführer aus dem Regal und setzt mich in den Bus gen Innenstadt.

Wir treffen uns erst am Abend wieder. József hat meinen Schlafsack
gelüftet, Getränke gekühlt, jetzt entkorkt er Flasche um Flasche – Wein
und Obstler, gebrannt vom Onkel aus dem Heimatdorf. Bald erzählt nur er
noch in flüssigem Englisch: wie er mit dem Trabi in Richtung Türkei fuhr
und ihn in Rumänien Soldaten verhafteten. Wie vor Izmir die Achse brach
und sich das ganze Dorf in der Werkstatt versammelte, um über das
Plastikauto zu lachen. Die beiden sind so herzlich und frisch verliebt,
dass ich mich schon heimisch fühle auf dem Cordsofa. Wir tauschen
Adressen und Ich-schreibe-dir-Versprechen. Denn das Zugticket ist
gekauft, Mark aus Szeged drängelt: Wann kommst du?

Er wartet vor dem Bahnhof, an seinen lindgrünen Lada gelehnt: »Hier
fahren viele Studenten die alten Sowjet-Kisten. Kosten fast nichts.« Der
Knauf des Schaltknüppels ist eine Schneekugel: Bär Mischa, Maskottchen
der Olympiade 1980 in Moskau, schwimmt unter Hartplastik. Auf dem
Rücksitz scheppern Kassettenhüllen. Mark ist 25, gebürtiger Szegeder und
Soziologiestudent – er weiß viel und redet gern. Mich erwarten
zweieinhalb Tage Rundumprogramm.

Wir beginnen in der Innenstadt. 1879 zerstörte ein Hochwasser Szeged.
Viele Mächte stifteten für den Wiederaufbau. So entstanden hier Hunderte
von Jugendstilvillen. Und weil nie eine Weltkriegsbombe auf sie fiel,
stehen sie noch heute. »Nirgends in Ungarn studiert es sich so stilvoll
wie in Szeged«, sagt Mark, fährt mich aber auch raus zur
Kontrastarchitektur: »Du wirst es lieben – Sozialismus pur.« Wir
spazieren über die Ölarbeiterstraße zum Ölarbeiterplatz mit der
Ölarbeiterkneipe. Für die Hoffnungsindustrie der Sechziger wuchsen hier
Wohnsilos, gegen deren Tristesse die Stadt nun mit Pastellfarben
anstreicht. Mark zeigt mir ein Szeged, das mein Reisehandbuch nicht
kennt: die Freiluftbar am Theiß-Strand, die auch morgens um fünf noch
acht Sorten Bier ausschenkt. Das Denkmal für das 6:3, mit dem Ungarn
1953 England in seine erste Heimniederlage kickte: bronzene
Fußballschuhe, zur Säule gewunden. Und die einstige Bahntrasse nach
Bukarest, die nun zwischen Sträuchern und Klatschmohn endet: »Deutsche
Soldaten haben auf der Flucht vor den Sowjets die Eisenbahnbrücke in die
Luft gesprengt.«

Szegeds Studenten feiern. Mark rät: »Iss reichlich, die Nacht wird lang«

Wir speisen stilecht. Unser Ecklokal hat nicht mal ein Kneipenschild.
Auf den Holzbänken hocken Arbeiter im fleckigen Blaumann, dazwischen
Studenten, über Bücher und Zeitungen gebeugt. Roma-Frauen aus den
Nachbarhäusern reichen Töpfe durch das Außenfenster. Hier Suppe zu
kaufen ist fast so günstig wie Selberkochen. Der Koch schaufelt uns das
Tagesgulasch aufs Tablett: rote Wurst, braune Wurst, Bohnen inmitten von
Rindfleischwürfeln und zwei Streifen Paprika.

»Iss reichlich – die Nacht wird lang«, rät Mark. Denn heute feiern 25000
Szegeder Studenten das Ende des Semesters, Hunderte drängeln sich mit
uns im Traditionsclub: dem Jate, gegründet in jenen Zeiten, als die Uni
nach József Attila, dem Arbeiterdichter, benannt war. Mark ist
beschäftigt: Küsschen hier, Grüße da und gegen die Band anbrüllen. Er
zerrt mir Gesellschaft herbei, der eine Freund spricht Englisch, der
andere hat in Bamberg studiert. Schweiß tropft von der Kellerdecke, die
Party ist, wie Uni-Partys eben so sind: viel Bier, ein letztes
Kampfbaggern vor der Sommerpause, Nachhausewanken Arm in Arm.

Mark lebt auf 90 Quadratmetern Altbaugemütlichkeit mit
Fischgrätenparkett und Wänden so hoch, dass der Wäscheständer an
Strippen unter der Decke schaukelt. Die Mitbewohner sind verreist und
hinterließen Matratzen – mein Bett. Mark schneidet Brot und rumänischen
Schafskäse als Mahl und zur Einstimmung auf morgen: »Wir machen so eine
Japaner-Tour: Sieh Rumänien an einem Tag!«

Nach Rumänien fahren Ungarn, wenn sie sich wie Westtouristen fühlen
wollen, sagt Mark: Sie können sich fast alles leisten – und treffen die
Leute wieder, die bei ihnen daheim für einen Witzlohn Gemüse ernten. Der
Lada ruckelt über Pflasterstein-Alleen. Ziegen springen aus dem Weg,
Gänse watscheln protestschnatternd davon, wir sehen Pferdewagen und
Bäuerinnen, die mit Kopftuch auf den Feldern harken. Mark stoppt zum
Plausch im Dorfladen – er spricht fließend Rumänisch, schon aus Prinzip:
»Die Szegeder fahren ständig nach Rumänien, billig tanken, einkaufen,
saufen – aber im Rumänisch-Kurs an der Uni saß ich oft
mutterseelenallein.« Mark chauffiert mich durch das transsilvanische
Völkergemisch: in serbische Dörfer und durch Siedlungen, in denen jeder
Ungarisch spricht. Er zeigt mir alte deutsche Hausgiebel, »Eleonore
Meisser« hat sich hier eingravieren lassen. Und zeitgenössisches
Deutschtum in der Regionalhauptstadt Arad: Tram Nummer 3 wirbt für
»Unterfrankens größten Elektromarkt«, Linie 8 preist ein schwäbisches
Bier. »Deutsche Gebrauchttrams kaufen – das ist der neue Trend. In
Szeged haben wir gerade sechs aus Potsdam bekommen.« Mark drängt mich in
den Lada, er möchte mir noch so viel zeigen, rumänische Berggipfel etwa
und Szegeder Altstadtpubs.

Doch ich muss packen: Meine Berliner Gästematratze ist derzeit sehr
gefragt. Ein Belgrader Trompeter reist an, mit Freundin und Rucksack,
zwei Texaner schrieben: »Wir möchten das lokale Brauchtum studieren.«
Hospitality Club – das ist jetzt mein Sommernebenjob.

Information

Zahlen: Derzeit sind 96 Ungarn Mitglied im Hospitality Club. Weltweit
hat er rund 18400 Mitglieder in 148 Ländern. Besonders verbreitet ist
der Club in Deutschland, den USA und Australien. Doch auch Osteuropa
holt auf – allen voran Polen und Litauen

Mitgliedschaft: Wer beitreten möchte, füllt den Antrag auf der Website
www.hospitalityclub.org aus. Name und Anschrift muss er nur den
Organisatoren nennen. Gegenüber den anderen Mitgliedern kann er einen
erfundenen Namen verwenden. Nach ein bis fünf Tagen erhält er per Mail
ein Passwort, das den Zugang ermöglicht. Jedes Mitglied wird gebeten,
ein Profil anzulegen und mitzuteilen, ob und zu welchen Bedingungen es
Gäste beherbergen möchte. Wer über den Hospitality Club eine Unterkunft
sucht, sollte damit spätestens eine Woche vor der Abreise beginnen.
Jedes Mitglied hat die – bislang eher selten genutzte – Möglichkeit,
über seine Gastgeber oder seine Gäste Beurteilungen zu schreiben, die
dann allen anderen Mitgliedern zugänglich sind. Die Mitgliedschaft ist
kostenlos, der Club wird ehrenamtlich betrieben




Tue Aug 3, 2004 4:27 pm

veit78
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