Lettre International Nr. 87 / Neue Ausgabe
Liebe Leserinnen und Leser,
keine winterliche Schneeflocke, sondern die Computertomographie eines Gehirns ist das Titelmotiv der neuen Ausgabe von Lettre International. Es gehrt zu der Aufnahmenserie, die vom Kopf des chinesischen Knstlers Ai Weiwei zur Vorbereitung einer Notoperation gemacht wurde, nachdem er von chinesischen Sicherheitskr臟ten zusammengeschlagen worden war. Anlass fr das brutale Vorgehen der Behrden waren die Nachforschungen des Knstlers im Zusammenhang mit dem Erdbeben in Sichuan und seinen unz臧ligen Opfern, darunter viele Schulkinder. Man wollte seine Zeugenaussage verhindern. Als wir Ai Weiwei um einen knstlerischen Beitrag fr die aktuelle Ausgabe von Lettre baten, schickte er uns die Computertomographien seines von den Schl臠en traumatisierten Gehirns. Die verschiedenen Schnitte zeugen nicht nur von der Verletzbarkeit einer beraus empfindlichen organischen Struktur, sondern dokumentieren ebenso unabweisbar einen Angriff auf die nicht minder konkrete, nicht minder fragile geistige Existenz eines Menschen, auf seine Wrde, Freiheit und Einzigartigkeit.
Nach der enormen und politisch folgenreichen Medienresonanz, die das Berlinheft und besonders das Interview mit Thilo Sarrazin gefunden hat (einige Restexemplare sind noch zu haben!), freuen wir uns, die Winterausgabe von Lettre International mit einem ppigen Themenmen vorstellen zu knnen.
Ein erster Gang des Wintermahls ist der Januskpfigkeit von Umbrchen gewidmet und behandelt die Bedrohung des Urheberrechts, den Typus der Samtenen Revolution, das Ph舅omen Berlusconi und die Dynamiken des Skandals. Ein Reisebericht aus Afghanistan leitet ber zu einer reichen und komplexen Auseinandersetzung mit dem Blick des Orients auf den Okzident. Die gro゚en und kleinen Dramen des Knstlerlebens werden aufgetragen: Mysterises von J. L. Borges, Intimes von Samuel Beckett, Wahrhaftiges von Francis Bacon und Psychologisches von Thomas Mann. Ort- und Wortlosigkeit verhandeln ber Sprache und Emigration. Dazu wird aufgespielt: Jazz und Fado und elektronische Kl舅ge. Zum Schluss: Verirrungen im Schachlabyrinth - wer wieder herausfindet, dessen Wnsche gehen in Erfllung. Anspruchsvolles Kino, beseligende Musik, inspirierende Bcher: Wir bieten zauberhafte Pr舂ien fr neue Abonnements.
Ab heute liegt das Winterheft von Lettre International am Kiosk und im Buchhandel, an Bahnhfen und Flugh臟en oder ab Verlag (www.lettre.de) fr Sie bereit.
URHEBER OHNE RECHT
Im Zeitalter der Digitalisierung begreifen sich Bibliotheken nicht mehr prim舐 als Bchern gewidmete Kultureinrichtungen, sondern als Vermittlungsinstitutionen von "Information", konstatiert der Medientheoretiker Uwe Jochum. Das Bibliothekswesen ist im Begriff, dem Netz als Hort des "Weltwissens" zu weichen. Damit einher geht die Entrechtung des Autors: So versucht die Deutsche Forschungsgemeinschaft, und mit ihr der Staat, Wissenschaftler dazu zu ntigen, Publikationen ber "Open Access" entgeltfrei der ヨffentlichkeit zug舅glich zu machen. Ist das ein Einfallstor fr staatsmonopolistische Auftragsforschung?
UNRUHEZONEN
Der ph舅otypischen Beschreibung des Skandals in seinen Erscheinungsformen vom Skandalkult der Donaumonarchie bis zur zeitgenssischen Wirtschaftskrise und ihren skandalsen Euphemismen widmet sich Peter Nadas in einem Text ber die bis in unsere Tage wirkende Poly- und Kakophonie Kakaniens und stellt fest: "Ein Skandal hat die Eigenschaft, nicht nur die Beteiligten, sondern auch seinen Gegenstand zu verschlingen, und zwar mit gro゚em Spektakel, Beschuldigungen, Anrufungen, Gebrll, dem wilden Gerassel von Polizei und Staatsanwaltschaft - im Stillen l舫ft jedoch alles weiter wie bisher ."
Die Charakterzge eines historisch neuartigen Modells der Revolution beschreibt Timothy Garton Ash. Die Samtene Revolution von 1989 steht fr einen revolution舐en Idealtyp: gewaltlos, antiutopisch, kompromi゚- und verhandlungsbereit, demokratisch gewollt oder gar gew臧lt. L舖st sich die Erfolgsgeschichte dieses Revolutionstypus' ber das postkommunistische Europa hinaus fr nicht-westliche Gesellschaften fortschreiben? Und kann man ohne revolution舐e Katharsis berhaupt noch von "Revolution" sprechen?
Den Fall Silvio Berlusconi durchleuchtet der Historiker Ernesto Galli della Loggia. Er erkundet die Hintergrnde der Machtergreifung, den Zusammenbruch des traditionellen italienischen Parteiensystems, die Rolle der von Richtern und Staatsanw舁ten veranlassten Operation "Saubere H舅de", das Ph舅omen der Lega Nord im reichen Norditalien, die Allianzen hinter Berlusconi, aber auch das Versagen der Linken, das zu dem Aufstieg des Populisten und Mediokraten gefhrt hat: Vakuum und Ph舅omen
Die portugiesische Journalistin Alexandra Lucas Coelho hat eine riskante Reportagereise durch Afghanistan unternommen: Als nicht eingebettete Journalistin besuchte sie Kandahar und Herat, Jalalabad, Mazar-e-Sharif, Band-e-Amir und Kabul. Auf Schlachtfeldern und in Kampfzonen, in Krankenh舫sern und entlegenen Drfern, in St臈ten und auf den Stra゚en begegnet sie Menschen, Afghanen und Ausl舅dern, die in einem kriegszerrtteten Land versuchen, die Zukunft zu sehen: Tage in Afghanistan.
ORIENT UND OKZIDENT
Die Kritik des Orientalismus hat Stereotype des westlichen Blicks auf den Orient offengelegt. Aber wie sieht der Orient den Okzident? Abdelwahab Meddeb untersucht die ambivalenten Beziehungen zwischen Europa und der arabisch-islamischen Welt. Bekannt ist im Westen das Bilderverbot des Islam, aber er hat auch bilderreiche Traditionen. Der tunesisch-franzsische Islamgelehrte zeigt, dass das Bild im emotionalen Spektrum von Faszination und Zurckweisung, Akzeptanz und Ablehnung eine zentrale Rolle spielt. Im Bild und durch das Bild entscheidet sich der Blick, den der Islam auf Europa wirft, im Frieden wie im Krieg.
KワNSTLERDRAMEN
Der argentinische Schriftsteller H馗tor Abad fand in der Manteltasche seines auf offener Strasse ermordeten Vaters ein noch unbekanntes Sonett von Jorge Luis Borges. Jahrelang versuchte er, dessen Herkunft nachzuspren. Das Ergebnis seiner detektivischen Recherchen waren fnf verschollene Sonette des gro゚en, argentinischen Poeten und die fesselnde Geschichte ihrer Entstehung und ihres Schicksals. Die fnf wiedergefundenen Sonette von Jorge Luis Borges, deren Echtheit von der Borges-Erbin Mara Kodama nicht anerkannt wird, stellen wir erstmals auf Deutsch vor.
Am 22. Dezember j臧rt sich der Todestag von Samuel Beckett zum 20. Mal. Die Rundfunkredakteurin Barbara Bray war die langj臧rige Freundin, heimliche Geliebte, Muse, Vertraute und Mentorin des irischen Dichters. Zum ersten Mal berhaupt 舫゚ert sie sich in einem gro゚en Gespr臘h mit dem polnischen Theatermacher Marek Kedzierski ber ihre Beziehung zu Beckett und l舖st ihre gemeinsame Zeit Revue passieren, eine Zeit des intensiven Gedankenaustauschs, der ワbersetzungsarbeit, fruchtbarer wie mhsamer Phasen des Schreibens. Ihre Erinnerungen schpfen aus der Liebe und der geistige N臧e zu einem Menschen, der behauptete: "Worte waren meine einzigen Lieben, nicht viele."
Barbara Bray hat uns bislang nie gezeigte Fotos zur Verfgung gestellt, die Beckett als Hter des Feuers im Garten seines Landhauses in Ussey zeigen.
"Monsieur Beckett n'騁ait pas mon mari!" Nein, Barbara Bray, war nicht mit dem irischen Dichter verheiratet, aber mit Hilfe der ber siebenhundert Briefe, die sie von Beckett erhalten hat, ist sie dabei, ihre Erinnerungen an ihren Freund aufzuschreiben. Marek Kedzierski portr舩iert die Frau, die Beckett als seinen Lebensmenschen bezeichnet h舩te, h舩te er das Wort gekannt: Rue Samuel Beckett
Worte schockieren, sie rhren und regen zu Bildern an, Krper und Farben erinnern an Gerche, der Anblick von Fleisch erweckt Emotionen. In einem bislang unbekannten Interview aus den achtziger Jahren erz臧lt Francis Bacon von den Ursprngen seiner explosiven Malerei in den Versen der attischen Tragdie, im bewegten Filmbild und der Fleischtheke des Londoner Harrods: Ein Gespr臘h ber Kunst, das Leben im Rohzustand, Schnheit, Sex und Geld.
Bora Cosic sprt einer Urszene nach. Er entziffert das Gespr臘h Josefs mit seinem Vater Jakob, dem biblischen Urvater, indem er Thomas Mann folgt, der sich von Kssnacht nach Wien aufmacht, um am 8. Mai 1936 den 80. Geburtstag Sigmund Freuds zu begehen. Wir erleben die Begegnung von Dichtung und Forschung als gedankliche Reise durch Mythologie, das Unbewusste, geschlechtliche Irrungen und Menschheitsneurosen. Der Festakt erweist sich als Jahrmarktsvergngen, es ist mglich, alles zu sagen, was man sonst nicht auszusprechen wagt: Der Wiener Jubilar.
Georg Stefan Troller, Erfinder des wunderbaren "Pariser Journals" im ZDF, fragt autobiographisch unterlegt, was der Verlust der eigenen Sprache fr die aus dem deutschen Sprachraum emigrierten Autoren und Knstler w臧rend der NS-Zeit bedeutete. Er beschreibt Landschaften der Ortlosigkeit und Wortlosigkeit, seelische und schpferische Verluste, das Empfinden der Ausgeschlossenheit, er untersucht den Verlust des Marktes, die wachsende Distanz zur eigenen Gesellschaft, die Reibereien unter den Emigranten, kurz: ihre vielschichtige, angeschlagene Psyche, ihre Verzweiflung, ihre Hoffnung und ihre Versuche, nach ihrer Rckkehr knstlerisch wieder Fu゚ zu fassen: Sprache und Emigration.
トTHIOPISCHE IMPRESSIONEN
Im Sdosten トthiopiens begegnet der Photograph Juan Manuel Castro Prieto Menschen und Landschaften von unberhrter Schnheit. Eine magische Welt der Farben, in der krperliche Anmut mit dem Wuchs von Pflanzen und B舫men wetteifert.
MUSIK UND MASCHINE
1915 lag eine Entscheidung in der Luft: "To Jazz or not to Jazz ". Damals war nicht nur Jazz-Musik ein Problem, auch der Name sorgte fr Stirnrunzeln. Es hie゚, Jazz stehe in einem Verh舁tnis zur Musik "wie eine Karikatur zu einem Portr舩". Jed Rasula erkl舐t, wie die "Negro Music" sich innerhalb von 25 Jahren vom "musikalischen Laster" oder einer "Bordellmusik" zu einem "Kampf fr eine neue Ausdrucksform, roh wie die Hieroglyphe des Kubismus, aber trotzdem authentische Kunst", entwickelt hat. Im Fieber des Jazz
Dem Fado mit seiner Betonung existentieller Schicksalhaftigkeit haftet der Ruch an, eine "altmodische" Form des Gesangs zu sein. Moderne Fadistas versuchen dem entgegenzuwirken, laufen dabei aber Gefahr, das urwchsige Liedgut um seine Ausdruckskraft zu bringen. Die Pariser Fado-Liebhaberin Agn鑚 Pellerin verfolgt die Musik der saudade, der Sehnsucht, bis an ihre Wurzeln, zu den tabernas der Hafenarbeiter und des Halbweltmilieus. Erst sp舩er, unter der Diktatur, erhielt der Fado seinen romantisch-verkl舐enden Touch.
In der Konfrontation von natrlich und knstlich hervorgebrachten, elektronischen Kl舅gen sieht der berhmte Vertreter der Minimal Music und Opernkomponist John Adams (Nixon in China) den Hauptimpuls fr sein kompositorisches Schaffen. Vom Tonband zum Synthesizer, vom digitalen Sequenzer zum Sounddesign: die neuen elektronischen "Instrumente" stimulieren eine Evolution der musikalischen Stile, ver舅dern die musikalische Syntax, frdern die Erfindung neuer Formen und Rhythmen. Die Maschine im Garten
HOMO LUDENS
ワber das knigliche Spiel und unerschtterliche Genies, die Schach mit dem Leben verwechselt haben, meditiert der mexikanische Dichter Luigi Amara. Gibt es ein Leben au゚erhalb von Schach? Wir begegnen geduldigen Spielern, die ihre Zge tagelang berlegen knnen, Spielern, deren analytischer Geist schnell und weit ins Labyrinth des Spiels vorst゚t - und sich manchmal darin verirrt, wie einst Michail Tal, "Magier von Riga" -, wir begegnen Bobby Fischer, Anatoli Karpow, Garri Kasparow und Viktor Kortschnoi. Im Schachlabyrinth
BRIEFE UND KOMMENTARE
Nicht nur ihrer heroischen Momente sondern auch ihrer ワbeltaten sollen die Nationen gedenken, fordert Norman Manea und wnscht sich neben Heldendenkm舁ern Monumente der Schande. In den kuriosen Antiquariaten Lateinamerikas findet Antonio Jos Bonilla seltene Bcher und rares Glck. Martin K舂pchen reiste in die Klosterstadt Tawang im 舫゚ersten Nordosten Indiens und entdeckt ein tibetisch beflaggtes Tal. Was es mit der schwedischen Krimiliteratur und dem gro゚e Erfolg Stig Larssons auf sich hat, errtert der Guardian-Kolumnist Andrew Brown. Zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer st゚t Michail Ryklin auf die Moskauer Mauer in der russischen Gesellschaft.